Vorarlberg gilt seit Jahren als eines der progressivsten Bundesländer Österreichs, wenn es um Klimaschutz und Energiepolitik geht. Innerhalb dieses Bundeslandes sticht eine Gemeinde besonders hervor: Lustenau, mit rund 24.000 Einwohnern die größte Marktgemeinde Österreichs, hat sich in den vergangenen Jahren zu einem konkreten Beispiel dafür entwickelt, wie Kommunen die Energiewende nicht nur ankündigen, sondern tatsächlich umsetzen. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Kombination aus politischem Willen, bürgerschaftlichem Engagement und gezielter Infrastrukturplanung.
Warum Lustenau kein Einzelfall ist
Wer die Energiepolitik in Vorarlberg versteht, versteht auch Lustenau besser. Das Bundesland hat sich bereits 2009 mit der Initiative „e5“ verpflichtet, seinen Energieverbrauch systematisch zu senken und erneuerbare Energiequellen auszubauen. Lustenau ist Teil dieses Programms und hat dabei eine eigene Dynamik entwickelt. Die Gemeinde liegt im Rheintal, direkt an der Grenze zur Schweiz, was auch grenzüberschreitende Kooperationen ermöglicht hat, etwa bei der Nutzung des Rheins als Wärmequelle für kommunale Wärmepumpenanlagen.
Entscheidend ist, dass Lustenau nicht auf ein einzelnes Leuchtturmprojekt setzt, sondern auf ein Bündel aufeinander abgestimmter Maßnahmen. Photovoltaik auf kommunalen Gebäuden, Fernwärme auf Basis erneuerbarer Quellen, kommunale Energiegemeinschaften und die gezielte Förderung von Gebäudesanierungen bilden zusammen ein System, das tatsächlich messbare Auswirkungen hat.
Photovoltaik: Von der Dachfläche zur Gemeinschaftsanlage
In Lustenau sind in den vergangenen fünf Jahren die installierten Photovoltaikkapazitäten erheblich gewachsen. Allein auf kommunalen Gebäuden, darunter Schulen, das Gemeindeamt und Sporthallen, wurden bis Ende 2023 Anlagen mit einer Gesamtleistung von über 800 Kilowatt-Peak installiert. Das entspricht rechnerisch dem Jahresstrombedarf von mehr als 200 Durchschnittshaushalten.
Noch bedeutsamer ist der Schritt hin zu Energiegemeinschaften. Seit der rechtlichen Möglichkeit durch das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG) in Österreich ab 2021 haben sich in Lustenau mehrere solcher Gemeinschaften gebildet. Dabei erzeugen Haushalte, Unternehmen und die Gemeinde gemeinsam Strom, der innerhalb der Gemeinschaft verrechnet wird. Die Teilnehmer profitieren von niedrigeren Stromkosten, die Gemeinde von einer höheren lokalen Wertschöpfung.
Fernwärme und die Rolle des Rheins
Eine der technisch interessantesten Komponenten der Lustenauer Energiestrategie ist die Nutzung von Flusswasser als Wärmequelle. Der Rhein führt das ganze Jahr über Wasser mit einer Temperatur zwischen 8 und 20 Grad Celsius. Großwärmepumpen können diese thermische Energie nutzen und daraus Heizwärme mit deutlich höherem Temperaturniveau erzeugen. Der Wirkungsgrad solcher Anlagen liegt bei einem COP von 3 bis 4, das bedeutet: Aus einer Kilowattstunde Strom werden drei bis vier Kilowattstunden Wärme.
Lustenau hat dieses Potenzial erkannt und in den Ausbau des kommunalen Fernwärmenetzes investiert. Derzeit sind mehrere Quartiere an das Netz angeschlossen, und der Anteil erneuerbarer Energien an der Wärmeversorgung liegt bereits über 60 Prozent. Das ist ein Wert, den viele größere Städte in Österreich noch nicht erreicht haben.
Bürgerengagement als Treiber der Transformation
Technische Infrastruktur allein reicht nicht. In Lustenau zeigt sich, dass die Beteiligung der Bevölkerung ein entscheidender Faktor ist. Die Gemeinde betreibt aktive Beratungsangebote für Hausbesitzer, die auf Wärmepumpen oder Photovoltaik umsteigen wollen. Im Jahr 2023 wurden über 300 solcher Beratungsgespräche dokumentiert, ein deutliches Zeichen für das Interesse in der Bevölkerung.
Darüber hinaus finden regelmäßig öffentliche Informationsveranstaltungen statt, bei denen Projektergebnisse präsentiert und neue Vorhaben diskutiert werden. Wer sich über den aktuellen Stand und die Hintergründe informieren möchte, findet unter anderem bei Nachhalte Energien eine Zusammenstellung der laufenden und geplanten Projekte in der Region. Dieses bürgernahe Kommunikationsmodell hat dazu beigetragen, dass Akzeptanzprobleme, wie sie etwa bei Windkraftprojekten andernorts auftreten, in Lustenau bislang weitgehend ausgeblieben sind.
Herausforderungen bleiben
So überzeugend die Bilanz auch ist, es gibt reale Hindernisse. Der Ausbau des Stromnetzes hält mit dem Zubau von Erzeugungskapazitäten nicht immer Schritt. An sonnigen Sommertagen produzieren die Photovoltaikanlagen im Ort mehr Strom, als lokal verbraucht werden kann. Ohne ausreichende Speicherkapazitäten oder smarte Verbrauchssteuerung verpufft dieses Potenzial.
Lustenau setzt hier auf zwei Strategien. Erstens werden Batteriespeicher bei Neuprojekten zunehmend als Pflichtkomponente eingeplant. Zweitens wird an der Integration von Elektrofahrzeugen als mobile Speicher gearbeitet, dem sogenannten Vehicle-to-Grid-Konzept. Pilotprojekte mit lokalen Unternehmen laufen bereits, eine flächendeckende Umsetzung ist jedoch noch einige Jahre entfernt.
Ein weiteres Thema ist die Finanzierung. Förderprogramme auf Bundes- und Landesebene decken zwar einen Teil der Investitionskosten, doch für kleinere Gemeinden bleibt der Eigenanteil erheblich. Lustenau profitiert hier von seiner Größe und einer soliden Gemeindefinanzsituation, die nicht jede österreichische Gemeinde teilt.
Was andere Kommunen mitnehmen können
Das Beispiel Lustenau liefert keine universelle Blaupause, aber klare Lehren für andere Gemeinden:
- Integrierte Planung zahlt sich aus. Einzelmaßnahmen wie eine Solaranlage auf dem Rathaus sind gut, aber erst die Vernetzung von Strom, Wärme, Speicher und Mobilität erzeugt systemische Wirkung.
- Rechtliche Instrumente nutzen. Das österreichische EAG bietet mit Energiegemeinschaften ein Werkzeug, das in vielen Gemeinden noch kaum genutzt wird.
- Geografische Ressourcen einbeziehen. Flüsse, Seen, Grundwasser und Windverhältnisse sind lokale Potenziale, die vor Ort bekannt sind, aber oft nicht in die Planung einfließen.
- Kommunikation früh beginnen. Bürgerinformation und Beteiligung sind kein Anhängsel, sondern Voraussetzung für die Umsetzbarkeit größerer Vorhaben.
Lustenau zeigt, dass die kommunale Energiewende kein abstraktes Ziel ist, sondern mit konkreten Schritten, messbaren Ergebnissen und realistischen Zeitplänen umsetzbar ist. Das Bundesland Vorarlberg hat dafür günstige Rahmenbedingungen geschaffen, aber die eigentliche Arbeit findet auf Gemeindeebene statt. Und dort lohnt es sich, genauer hinzuschauen.