Ökostrom im Alltag: Was wirklich dahintersteckt

Levent

3. August 2026

Ökostrom im Alltag: Was wirklich dahintersteckt

Der Anteil erneuerbarer Energien am deutschen Strommix ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Nach Angaben der Umweltbundesamt lag der Anteil erneuerbarer Energien an der Bruttostromerzeugung 2023 bei rund 59 Prozent. Trotzdem bleibt die Frage berechtigt: Was steckt eigentlich hinter einem Ökostromangebot, und wie erkennt man, ob der Strom tatsächlich aus sauberer Quelle stammt?

Strom aus der Steckdose ist nicht gleich Strom

Physikalisch gesehen mischt sich der Strom aller Erzeuger im Netz. Wer einen Ökostromanbieter wählt, bekommt nicht buchstäblich Elektronen aus einer Windkraftanlage geliefert. Was stattdessen zählt, ist die Bilanzierung: Der Anbieter weist nach, dass er für jede verbrauchte Kilowattstunde eine gleichwertige Menge aus erneuerbaren Quellen ins Netz eingespeist hat. Diesen Nachweis liefern sogenannte Herkunftsnachweise, kurz HKN. Ein HKN entspricht einer Megawattstunde und wird nach der Erzeugung vom Netzbetreiber ausgestellt und anschließend entwertet, sobald ein Lieferant ihn zur Kennzeichnung seines Stroms verwendet.

Das System klingt sauber, hat aber eine Schwachstelle: HKN aus Großwasserkraftwerken in Norwegen oder der Schweiz sind auf dem europäischen Markt vergleichsweise günstig. Ein Anbieter kann damit formal grünen Strom anbieten, ohne einen einzigen Euro in neue Erneuerbare-Anlagen in Deutschland investiert zu haben. Deshalb unterscheiden Verbraucherschützer und Umweltorganisationen zwischen sogenanntem Grünstrom mit Zusatznutzen und reinem Etikettenstrom.

Was ein gutes Ökostromangebot ausmacht

Ein Angebot mit echtem Klimabeitrag zeichnet sich durch drei Merkmale aus. Erstens stammen die HKN aus Anlagen, die einen direkten Liefervertrag mit dem Stromhändler verbinden, sogenannte Power Purchase Agreements, kurz PPA. Zweitens fließt ein Teil der Einnahmen in Neuanlagen oder Fonds zur Energiewende. Drittens lässt sich der Energiemix des Anbieters transparent nachvollziehen, am besten über ein anerkanntes Gütesiegel.

  • ok-power-Label: Fordert einen Mindestanteil aus neuen Anlagen und direkten Lieferverträgen.
  • Grüner Strom Label: Verlangt, dass ein fester Betrag pro Kilowattstunde in Erneuerbare-Energien-Projekte fließt.
  • Naturstrom-Siegel: Ähnliches Prinzip, mit Fokus auf dezentrale und regionale Erzeugung.

Wer sich nicht sicher ist, ob ein Angebot eines dieser Merkmale erfüllt, kann beim Lesen der Tarifdetails konkret nachfragen: Woher kommen die Herkunftsnachweise, und aus welchem Baujahr stammen die Anlagen? Seriöse Anbieter beantworten das ohne Umwege. Wer mehr über die Unterschiede zwischen verschiedenen Gütesiegeln und Tarifstrukturen erfahren möchte, findet beim Thema Grünstrom erkennen eine kompakte Übersicht darüber, auf welche Kriterien es ankommt.

Der Herkunftsnachweis im Rechtssystem

Die gesetzliche Grundlage für Herkunftsnachweise in Deutschland findet sich im Erneuerbare-Energien-Gesetz sowie in der Stromkennzeichnungspflicht nach Paragraf 42 des Energiewirtschaftsgesetzes. Dort ist geregelt, dass Stromlieferanten ihre Kunden einmal jährlich über die Zusammensetzung ihres Strommixes informieren müssen. Wer also seinen letzten Jahresabschluss genau liest, findet dort die Angabe, wie viel Prozent des gelieferten Stroms aus welcher Quelle stammen. Die rechtliche Grundlage lässt sich auf gesetze-im-internet.de direkt nachlesen, ohne dass man sich durch kommerzielle Zusammenfassungen arbeiten muss.

Interessant ist dabei, dass der Anteil aus erneuerbaren Quellen auf dem Papier bei manchen Anbietern 100 Prozent beträgt, der Restmix trotzdem einen hohen Anteil Kohle- oder Atomstrom enthält. Der Grund: Der sogenannte Reststrommix ist der Bundesdurchschnitt all jener Strommengen, für die keine Herkunftsnachweise verwendet wurden. Er enthält nach wie vor fossile Anteile. Wenn ein Anbieter ausschließlich mit HKN kennzeichnet, aber keine direkten Lieferverträge mit Erzeugern hat, verändert er den Restmix nicht wirklich.

Eigenproduktion als Alternative zum Fremdbezug

Wer nicht auf das Angebot eines Lieferanten angewiesen sein will, kann selbst erzeugen. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach eines Einfamilienhauses mit 10 Kilowatt peak deckt bei durchschnittlichem Verbrauch einen erheblichen Teil des Jahresbedarfs selbst. Mit einem Batteriespeicher lässt sich der Eigenverbrauchsanteil auf 60 bis 80 Prozent steigern, abhängig von Anlage, Ausrichtung und Nutzungsverhalten.

Auch Mieterstrom gewinnt an Bedeutung. Seit der Einführung des Mieterstromgesetzes 2017 können Vermieter Strom aus Dachanlagen direkt an Mieter liefern, ohne das öffentliche Netz zu nutzen. Die Abrechnung erfolgt dann über einen Mieterstromanbieter. Für Wohnungen in mehrgeschossigen Gebäuden ohne eigene Dachfläche ist das oft die einzige Möglichkeit, unmittelbar von lokal erzeugtem Solarstrom zu profitieren.

Energiegemeinschaften als wachsendes Modell

Jenseits von Einzellösungen gewinnen kollektive Ansätze an Fahrt. Energiegemeinschaften, also Zusammenschlüsse von Haushalten, Gewerbetreibenden oder Kommunen, die gemeinsam Strom erzeugen und verteilen, sind in Österreich bereits gesetzlich geregelt und erprobt. In Deutschland entwickelt sich das Modell langsamer, aber auch hier entstehen zunehmend sogenannte Bürgerenergiegenossenschaften, die Wind- und Solaranlagen in lokaler Hand betreiben. Informationen zu Struktur und Verbreitung solcher Modelle stellt die Wikipedia-Seite zu Energiegenossenschaften übersichtlich zusammen.

Das Prinzip dahinter ist nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch reizvoll. Wer Anteile an einer Genossenschaft hält, die eine Windkraftanlage betreibt, partizipiert direkt an den Einnahmen durch eingespeisten Strom. Die Rendite ist selten spektakulär, bewegt sich aber in vielen Projekten zwischen 2 und 4 Prozent jährlich. Gleichzeitig bleibt die Anlage in regionaler Hand, statt in den Bilanzen eines Großkonzerns zu verschwinden.

Was Verbraucher konkret tun können

Wer sich informieren will, ohne sich durch Tariffeinheiten zu kämpfen, sollte an drei Stellen ansetzen. Erstens: den aktuellen Jahresabschluss des Stromanbieters aufschlagen und den Energieträgermix prüfen. Zweitens: nach Gütesiegeln Ausschau halten und im Zweifel direkt beim Anbieter nachfragen, woher die Herkunftsnachweise stammen. Drittens: überlegen, ob eine Photovoltaikanlage oder eine Beteiligung an einer Energiegenossenschaft langfristig sinnvoller ist als der Wechsel zu einem anderen Lieferanten.

Der Strommarkt ist komplexer, als er auf den ersten Blick wirkt. Wer aber die grundlegenden Mechanismen versteht, kann gezielt wählen statt blind zu vertrauen. Und das ist letztlich der einzige Weg, wie aus einem grünen Label auch ein echter Beitrag zur Energiewende wird.